Ein Tweet und seine fatalen Folgen

Social Media im Allgemeinen und Twitter im Besonderen werden häufig als Tools beschrieben, die ob ihrer rasanten Verbreitungskraft und ihrem schier flächendeckenden Durchsatz, der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Es sind Tools, mit denen sich jeder Unterdrückte Gehör verschaffen und seine Peiniger zu Fall bringen kann. Dass sich ausgerechnet diese demokratisierenden Tools aber auch als gefährliche Angriffswaffen entpuppen können, zeigt folgendes Beispiel:

Adria Richards, Ihres Zeichens IT-Evangelist, Sprecherin und Bloggerin nahm kürzlich an der Pycon Technologie-Konferenz teil. Dort hörte sie, wie in der Reihe hinter ihr, zwei männliche Teilnehmer über “Big Dongles” und “Forking Someone’s Repo” witzelten. Nun handelt es sich hierbei zwar um technische Begriffe, sie können aber auch in einem sexuellen Kontext verstanden werden. Jedenfalls interepretierte Adria Richards die Äußerung als sexistisch, fühlte sich gekränkt und beschloss, Alarm zu läuten.

Sie drehte sich um, lächelte, machte kurzerhand ein Foto und tweetete es dann gemeinsam mit dem Kommentar: “Not cool: Jokes about forking repo’s in a sexual way and “big” dongles. Right behind me.”

Der Tweet verbreitete sich rasch und kam schließlich auch den Konferenzorganisatoren zu Ohren, die daraufhin prompt die beiden “Schuldigen” des Saales verwies. Schlimm? Es kam noch viel schlimmer! Als nämlich PlayHaven, der Arbeitgeber der beiden öffentlich Verschämten, von dem Vorfall erfuhr, entliess er einen der Mitarbeiter.

Dieser meldete sich daraufhin unter dem Pseudonym “mr hank” auf Hacker News zu Wort, entschuldigte sich für den Joke, gab aber auch zu Bedenken, dass Adria Richards ihn erst hätte direkt ansprechen und die Sache mit ihm ausmachen sollen. Schließlich, so fügte er an, habe er seinen Job verloren, und das sei schlimm, weil er drei Kinder habe und den Job auch wirklich mochte. Adria Richards antwortet im selben Forum versicherte, sie hätte seine Entlassung nicht beabsichtigt, rechtfertigte aber ihre Vorgangsweise.

Dann explodierte das Internet.

Innerhalb von 24 Stunden wurde Adria Richards auf  Twitter, ihrem Blog und ihrer Facebook-Seite auf das Allerfürchterlichste beschimpft. Kritiker starteten eine Petition und drohten ihrem Arbeitgeber, SendGrid, der in Folge der ganzen Aufregung auch einen DDOS-Angriff erlitt. All das führte schließlich dazu, dass nun auch Adria Richards entlassen wurde.

Knapp zehn Tag nach dem denkwürdigen Tweet stehen wir alle vor einem Scherbenhaufen. Die beiden Protagonisten sind entlassen worden. Die beiden Arbeitgeber haben gute Mitarbeiter verloren und sich den Ruf der Unerbittlichkeit eingeholt. Und die Internet/Social Media-Gemeinschaft, die die Sache noch immer nicht auf sich beruhen lassen kann, gibt sich als wilder, wilder Westen zu erkennen.

Die Affäre Adria Richards weist  einmal mehr auf die Chancen und  Risiken von Twitter hin. Das Tool ist, genau wie einst die Feder, mit Vorsicht und Verantwortungsbewusstsein, vor allem aber auch mit Voraussicht, zu nutzen. Mit anderen Worten, es stellt hohe Ansprüche an seine User.  Vor allem jene User, die sich, wie Adria Richards, einer breiten Gefolgschaft erfreuen, müssen diesem Anspruch Rechnung tragen.

Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt

 

Über y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für multinationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet Made-to-Market, New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihrer absatzwirtschaft-Kolumne, dem "Brief aus Amerika", bringt Yvette Schwerdt aktuelle Beispiele aus dem USA-Marketing.
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Kommentare zu Ein Tweet und seine fatalen Folgen

  1. Matt

    Klarer Fail des Arbeitgebers der beiden Typen.

    Amiland halt. Freedom of Speech – die durch Political Correctness faktisch aufgehoben wird.

  2. Ich fasse mal zusamen:

    humorloses nicht angesprochenes Mädel interpretiert frei, ist nicht kommunikationsfähig im direkten Dialog, statt also Dialog verletzt sie Persönlichkeitsrechte (Grundrechte wie Rest am eignen Bildnis, Informationelle Selbstbestimmung, …) von 2 Personen (Foto und Veröffentlichung). Dadurch hat sie billigend die wirtschaftliche Schädigung von 2 Personen ursächlich herbeigeführt und wundert sich über die (zugegebenermaßen ebenfalls überzogene) Reaktion der Netzgemeinde gegen sie?!

    Niemand hat es verdient wegen einer Humnor-Geschmacksfrage seinen job zu verlieren – auch Adria nicht. Aber die alleinige schuld daran liegt bei Adria, denn erst ihre unnötige Eskalation und ihre fehlende Achtung vor den Grundrechten anderer hat dies alles bewirkt.

  3. EsEf

    Das ist typisch und zutiefst menschlich. Statt zu fragen, wie etwas gemeint ist, wird nach persönlichen Annahmen und Vorurteilen interpretiert und die Empörung einfach in die Welt hinausgebrüllt. Dabei wird aber nicht über die Konsequenzen des eigenen Tuns nachgedacht.

    Dabei entsteht dann nach dem Schneeballprinzip eine Lawine, die auch noch die Verursacher – die es doch gut gemeint haben – mitreißen kann.

    Ein bisschen mehr Kompetenz in Kommunikation und ein bisschen mehr Bewusstsein für Kooperation und Rücksichtnahme hätte allen Beteiligten gut getan.

    Fazit: Schönes Beispiel für “Lernen durch Schmerzen”.

  4. Martin Retsum

    Inquisitoren hätten Ihre Freude an Twitter gehabt!
    Sie ist eröffnet: Hexe[n|r]jagd v2!

  5. Marcel Winkel

    Die Sache beweist wieder mal, daß die Menschheit einfach nur doof ist:
    Doof, wie die Herren “gewitzelt” haben
    doof, daß die Dame so unüberlegt gehandelt hat
    doof, daß die Herren des Saales verwiesen wurden
    doof, daß der Arbeitgeber den einen entlassen hat
    doof, daß der Dame ein Shitstorm entgegebrandete
    doof, daß ihr Arbeitgeber sie daraufhin entlassen hat

    An jeder dieser Stellen hätte die simple Fragen”Hä? Was ist los? Seid ihr noch ganz gescheid?” die Situation entschärfen können.

    m(
    Marcel

  6. Das eigentliche Probleme an der Angelegenheit ist nicht das Tool Twitter, das wie jedes Tool eben auch missbraucht werden kann. Das Kranke ist die Einstellung, im Namen einer Political Correctness seine Umwelt zwanghaft zu missionieren.

  7. Man hätte in der Tat erst mit den beiden Männern reden sollen. Alles andere sind mittelalterliche Prangermethoden – auf das Foto hätte man auch verzichten sollen.

  8. Andreas

    [MARKED AS SPAM BY ANTISPAM BEE | Server IP]
    Nicht die Waffen töten, sondern der Mensch, der sie bedient.
    Gilt auch für Twitter!

    Und schon haben wir einen schönen Programmpunkt für die nächste Parteisitzung der Grünen.

  9. Pingback: Social Media und schwere Folgen | TKs HeimatTageBuchSeite

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