Hetzjagd auf Facebook

Eigentlich wollte sie nur Klamauk machen, wie sonst auch. Diesmal wurde aus dem Spaß aber bitterer Ernst. Lindsey Stone war von Berufs wegen mit ein paar Kollegen nach Washington gereist und besuchte dort auch den Nationalfriedhof in Arlington. Dort ließ sie sich demonstrativ neben einem Schild, das Stille und Respekt fordert, in vulgärer Pose abbilden. So weit, so dämlich. Es kam noch dämlicher. Die junge Dame postete das Foto nämlich auf ihrer Facebook-Seite. Sie erklärte dabei zwar, dass es sich um einen ihrer üblichen Scherze handelte; den Betrachtern war aber nicht nach Lachen zumute. Sie forderten eine Strafe für die Respektlosigkeit und ließen nicht locker, bis Lindsey Stone ihren Job verlor.

Die Befremdung über das ungehörige Bild steigerte sich innerhalb weniger Tage zur öffentlichen Entrüstung. Bald schon tauchte aus dem Nichts eine „Fire Lindsey Stone“-Facebook Seite auf, die im Nu 30.000 Likes generieren konnte. Die Change.org Petition sammelte etwa im gleichen Zeitraum 2,900 Unterschriften. Später kam auch noch eine „Set Fire to Lindsey Stone“-Facebook Seite hinzu.

Als ob das nicht genug wäre, erhielt die gemeinnützige Organisation, Living Independently Forever, für die Stone seit 18 Monaten gearbeitet hatte, auch direkt eine regelrechte Beschwerdelawine. Sie ließ zwar verkünden, Stone wäre eine „gute Mitarbeiterin“, gab dann aber doch dem öffentlichen Druck nach und entließ die törichte junge Dame.

Sicher, es gab auch Stimmen, die zur Vernunft mahnten. Der Vertreter der U.S. Army Infantry, der für das Grab des unbekannten Soldaten verantwortlich zeichnet, meinte, Stone habe ein Recht auf freie Meinungsäußerung.

Die Betroffene selbst, die das unsägliche Bild im Übrigen nur für ihre Freunde und nicht für die Öffentlichkeit gedacht hatte, versuchte es mit einer Entschuldigung auf Facebook. Die Hetzjagd ließ sich aber nicht mehr stoppen.

Die Story zeigt einmal mehr, die Macht aber auch die Gefahr von sozialen Netzwerken.  Ich würde mir wünschen, dass Facebook in Fällen wie diesen einschritt und zur Mäßigung mahnt. Was meinen Sie?

Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt

Über y.schwerdt

Yvette Schwerdt ist Expertin für multinationales Marketing mit dem Schwerpunkt Deutschland/Amerika. Sie leitet Made-to-Market, New York. Die Agentur unterstützt Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen, die in Deutschland Geschäfte machen. In ihrer absatzwirtschaft-Kolumne, dem "Brief aus Amerika", bringt Yvette Schwerdt aktuelle Beispiele aus dem USA-Marketing.
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Kommentare zu Hetzjagd auf Facebook

  1. Wie blöd kann man sein ? Wer “die Amerikaner” kennte, weiß, dass dies die erste Wahl zum sozialen Suizid ist. Es zeigt aber auch, was für eine “Kasperbude” Facebook ist. Hier spielen Kinder! Und viele Marketingprofis versenken dort gutes Geld – zumindest riskieren sie einiges, denn nicht wenige gut gemeinte Werbeaktionen entwickeln sich dank findiger Andersdenkender zum Bumerang. Geht es denn nicht anders ? Klar ! Aber Facebook dominiert die Medien über alle Maßen. Würde ein Baggerproduzent seine Produkte in der Sandkiste des Kinderspielplatzes feil bieten? Wohl kaum. Ähnlich wie in der Zeit der E-Marktplatz-Blase scheint mal wieder der ein oder andere sein geschultes betriebswirtschaftliches Gehirn beim Login abzugeben. Dass es auch anders geht, zeigen die ersten B2B- und B2G “Professional” Networks wie http://www.vubn.de – zwar nicht mit 1 Mrd. User, aber dafür mit interessanter Kaufkraft. Die Medien sollten hier mal öfter die Sinnfrage stellen und alternative Konzepte adressieren. Beste Grüße, Ihr Ronald Bogaschewsky

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