New York ist schon ein verrückter Ort. Hier spielt sich auf wenigen Quadratmetern oft mehr ab, als anderswo in einer ganzen Stadt. Gestern, beispielsweise, waren in und um den Times Square unter anderem folgende Spektakel zu bestaunen: Ein Freiluft Yoga Workout, an dem tausende Menschen trotz praller Sonner und Rekordtemperaturen, unverdrossen teilnahmen; eine clevere Marketingaktion von one Coconut Water, die Abertausenden staunenden Zusehern eiskalte Markengetränke servierte, und eine Riga international führender Denker, die beim World Innovation Forum 2012, einer WOBI-Konferenz, über die Zukunft von Wirtschaft und Wissenschaft referierten. Von letzterem Highlight will ich Ihnen erzählen.
Die Konferenz führt jährlich Businessleader und Teilnehmer aus der ganzen Welt zusammen, um über neue Produkte, neue Ideen, und, vor allem, neue Erfolgsstrategien zu diskutieren. Den Anfang machte gestern der Marketingguru Guy Kawasaki, der das anspruchsvolle Publikum mit einer Megadosis Charme und einer Reihe ebenso einfacher wie sinnvoller Tipps bezauberte.
„Schaffen Sie Sinn “, rief Kawasaki gleich eingangs dem Publikum zu. Wer innovieren wolle, der denke nicht in erster Linie an das Finanzielle, sondern an das Substantielle. Als Beispiel brachte er seinen früheren Arbeitgeber Apple. Apple würde, so Kawasaki, nicht ins Leben gerufen worden sein, um Geld zu verdienen. Das war bloß eine natürliche Folge der genialen Geschäftsidee. Apple wurde gegründet, um die Welt zu verändern und zu verbessern. Heutige Pioniere sollten sich von ähnliche Motivationen leiten lassen.
„Formulieren Sie ein Mantra“, bat Kawasaki dann und zeigte dass ein solches Mantra, das den Geschäftsgegenstand in drei Worten beschreibt, viel besser ankommt als ellenlange, nebulöse Mission Statements. Beispiele: “Just do it” von Nike und “Peace of Mind” von Fedex.
„Denken Sie Ihrer Zeit voraus“, forderte Kawasaki weiter. Innovation würde konkretes Vordenken erfordern, und Unternehmen sollten sich fragen, was ihre Kunden künftig brauchen würden. Diesen Punkt habe Steve Jobs verstanden, als er zunächst den iPod, dann das iPhone und schließlich den iPad entwickelte.
„Don’t worry, be crappy”, lautete ein weiterer, witziger Ratschlag. Was Kawasaki damit meinte? Echte Innovatoren suchten nicht nach Perfektion, zumindest nicht im ersten Anlauf. War ein Produkt hochwertig genug, um den Status Quo grundlegend zu verändern, dann brachten sie es auf den Markt und liessen es in der zweiten und dritten Version weiter ausreifen. Beispiel: Wieder einmal Apple.
“Geben Sie Kontrolle ab”, urgierte Kawasaki weiter. Manche Produkte würden vom Verbraucher anders genutzt werden als ursprünglich geplant. Entwickler sollte das nicht stören, im Gegenteil. Sie sollten sich über den Erfolg freuen, die Einnahmen einstreichen und weitere Produkte entwickeln. Beispiel: der PageMaker von Apple wurde als Word Processor konzipiert, mehrheitlich aber als Desktop Publisher angewendet.
„Stellen Sie sicher, dass Ihr Produkt wertvoll und einzigartig ist“, bat Kawasaki dann und zeigte eine Matrix, auf der sich Hersteller nach diesen Kernkriterien selbst einstufen können.
„Qualifizieren Sie Ihre Verkaufspräsentation“, riet Kawasaki dann weiter und berkräftigte, er selbst würde jeden Pitch auf sein Publikum zuschneiden.
Tja, und schließlich kam dann noch die Empfehlung, nur ja nicht auf die Dummköpfe zu hören. Wer die Dummköpfe sind? Na, die erfolgreichen Businesspioniere, jene, die es geschafft haben, sich aber nicht selten dramatisch vergreifen, wenn es um neue Ideen geht. Etwa der Chef von IBM, der in 1943 überzeugt war, dass die Welt höchstens fünf Computer brauchen würde, oder eben Guy Kawasaki, der ein Jobangebot ausschlug, weil ihm das Geschäftsmodell nicht aussichtsreich erschien, und prompt die Chance verpasste, CEO bei Yahoo zu werden.
Die einstündige Präsentation von Kawasaki wurde mit tosendem Applaus quittiert. Was wir von Kawasaki lernen können? Ein paar Tipps, die man vielleicht bereits gehört hat, die aber jetzt noch plausibler und machbarer erscheinen. Ein paar Beispiele, die überzeugen. Ein paar persönliche, lebhafte erzählte Geschichten, die berühren. Und, vor allem, eine Mischung aus Optimismus und Innovationsfreude, die ansteckend wirkt.
Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette Schwerdt
Yvette Schwerdt ist Expertin für internationales Marketing mit Schwerpunkt Deutschland-USA. Sie leitet MADE-to-MARKET New York, eine Agentur, die Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum bei ihrem erfolgreichen USA-Marktauftritt und amerikanische Firmen bei ihrem Deutschland-Geschäft unterstützt.
Als Amerika-Korrespondentin der absatzwirtschaft berichtet Yvette für uns über Aktuelles im Deutschland-Amerika Business. Die MBA-Absolventin mit Erfahrung im offline, online und Social Media Marketing ist zudem auch regelmäßige Sprecherin bei internationalen Fachkonferenzen.
Ich habe die Konferenz selbst besucht. Auch, wenn die Ideen nicht immer neu sind – es hilft ungemein wieder einmal an Bewährtes erinnert zu werden, v.a. auf so inspirierende Art und Weise wie das Guy Kawasaki gelungen ist.
Danke fürs Lesen und Kommentieren, Herr Ulrich. Ja, ich stimme mit Ihnen überein. Der Kawasaki-Vortrag war nicht nur unterhaltsam, sondern auch ausgesprochen anregend. Ich habe ihn ebenfalls sehr genossen.
Lieben Gruß
Innovation & Kreativität & Design & “verrückte Ideen” sind der Marketingtreiber für die Zukunft. Danke, Frau Schwerdt, für die spannenden Insights aus dem Innovation Forum aus New York. Eine “kleine Anmerkung” dazu. Leider leider sieht die (Marketing)Realität zum Thema Innovation in vielen Unternehmen anders aus. Innovationen werden nicht nur “nicht gefördert”, sondern oft verhindert. Dies von den “Verhinderer und grauen Mäusen” in vielen Unternehmen. Menschen, die aus Selbstzweck den Status Quo zelebrieren, die Bürokratie ausbauen und neue Ideen und Veränderungen systematisch “platt machen”. Dabei wären Innovation die beste Quelle für überraschende Markterfolge.
Ich freue mich auf die nächsten Marketinginsights von Ihnen aus New York.
Grüsse aus der Schweiz